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gleich zwei Mal hat das MT in dieser Woche über schwere Missstände in Altenheimen berichtet. Der zeitliche Zusammenfall könnte Zufall sein. Vielleicht sind nun mal gerade zwei Fälle ans Licht gekommen – schicksalhaft in ein und derselben Woche. Wenngleich Korrelationen bekanntlich nichts über Kausalitäten sagen – oder anders gesagt: Nur weil etwas gleichzeitig passiert, muss es noch lange keinen Zusammenhang geben –, glaube ich an einen solchen Zufall nicht. Und es dürfte lohnenswert sein, über das Problem an sich nachzudenken und dabei auch die Rolle und Stellung alter Menschen in der Gesellschaft nicht aus dem Blick zu verlieren.

Zunächst: Solche Fälle zu recherchieren, ist eine Herausforderung für die Kolleginnen und Kollegen in der Redaktion. Denn am Anfang steht oft ein erster vager Hinweis. Manchmal sind es in solchen Fällen Angehörige, die uns etwas mitteilen. Manchmal sind es direkte Mitarbeiter, manchmal auch Menschen, die mittelbar in einer Einrichtung zu tun haben und dabei einen Einblick erhalten, der sie irritiert. Fast immer gilt: Das Material, das wir bekommen, ist erstmal dünn.

Wenn Material überhaupt das richtige Wort ist. Oft sind es eher Eindrücke, die Menschen schildern. Mehr als ein Ausgangspunkt für eine Recherche kann das nicht sei. Denn natürlich ist es unser erstes Anliegen, nur zu veröffentlichen, was wir durch mindestens zwei voneinander unabhängige Quellen belegen können. Noch besser ist es, wenn es tatsächlich Material gibt, also Dokumente oder Fotos – etwas aus der Kategorie „Schwarz auf Weiß“.

Aber ganz so einfach ist es dann auch nicht. Denn Dokumente können gefälscht, Fotos manipuliert oder trügerisch sein. Journalistische Schnellschüsse verbieten sich stets, in solchen Fällen ganz besonders. Denn immer geht es um Existenzen, um Menschen, um wirtschaftliche Geschäfte, die von einer unsauberen Berichterstattung negativ betroffen sein könnten. Zweifelsfrei zu belegen statt wild zu spekulieren, hat in solchen Fällen oberste Priorität. Zu bedenken ist immer auch die Motivation der Quellen. Geht es ihnen nur darum, ihren Arbeitgeber zu beschädigen und sind die Vorwürfe konstruiert? Auch das gilt es für die Redaktion dringend zu bedenken – viele Gespräche und Überlegungen sind nötig.

Bis wir uns so sicher sind, dass wir eine Veröffentlichung für verantwortbar halten, vergehen manchmal Wochen und Monate. So war es beispielswiese im Falle der Seniorenresidenz Weserbergland in Porta (zum MT-Bericht). Ungepflegte Bewohner, nicht ausreichend versorgte Wunden, Gebäudeschäden, fehlende Notglocken, wenig qualifiziertes Personal, eine hohe Mitarbeiter-Fluktuation – das sind nur einige der Auffälligkeiten, die die Heimaufsicht bei einer konzertierten Überprüfung in dieser Woche festgestellt und mitgeteilt hat. Die Kontrolle war ins Rollen bekommen, weil sich die MT-Redaktion entschieden hatte, 27 Bilder, die sie während einer laufenden Recherche zugespielt bekommen hatte, vor einer Veröffentlichung an die Behörden weiterzuleiten. Wir hatten zuvor abgewogen: Sollen wir berichten, ohne die Behörden vorab zu informieren? Wir empfanden das letztlich als unverantwortlich und haben die Aufnahmen bereits kurz nach der Übermittlung weitergeleitet. Aus unserer Sicht geht es in solchen Fällen um Leib und – vielleicht sogar – Leben. Übrigens war es uns gleichzeitig ein Anliegen, die Quelle der Bilder zu schützen, wie und wo wir nur können. Diese haben wir den Behörden selbstverständlich nicht genannt!

Die Weserbergland-Residenz liegt abgeschieden am Ende des Heerwegs in Hausberge. MT-Foto: © Thomas Lieske

Der andere Fall in Lübbecke war ebenfalls gravierend, wenngleich nicht ganz so heftig (zum MT-Bericht). Eine schlechte personelle Ausstattung, Fehler in der Pflege, Nachlässigkeiten gegenüber den Bewohnern, unangekündigte Verlegungen, so lauteten einige der zahlreichen Vorwürfe gegen das Seniorenquartier der Emvia-Living-Gruppe. Auch dort Schritt die Heimaufsicht des Kreises schließlich ein, inzwischen laufen Gespräche zwischen Kreis und Einrichtung, wie die Situation verbessert werden muss. Der Einrichtungsleiter ist abberufen worden.

Zwei Fälle innerhalb einer Woche – und wer weiß, was sich anderswo hinter den Mauern von Alten- und Pflegeheimen abspielt. Selbstredend verbieten sich Pauschalurteile. Allerdings ist zu bedenken, dass die Mauern innerhalb der zurückliegenden zwölf Monate dicker geworden sind. Die Senioren sollen in der Pandemie-Zeit besonders geschützt werden. Das ist gut so, denn eine Infektion hat für diese Menschen potenziell besonders gefährliche Auswirkungen. Nebenbei: Bei einem Corona-Ausbruch in der eingangs erwähnten Seniorenresidenz Weserbergland starben im Dezember 2020 und Januar 2021 sieben Menschen. Dieser Schutz kann sich potenziell allerdings auch in sein Gegenteil verkehren. Wenn Menschen in Alten- und Pflegeheimen keinen Besuch mehr bekommen, steigt die Gefahr, dass Missstände weniger schnell ans Licht kommen. Denn: kein Besuch – kein Einblick, keine Behördenkontrolle aus Angst, das Virus einzuschleppen – eine erhebliche Sicherheitsstufe weniger.

Umso wichtiger ist es in dieser Zeit, dass Behörden ihre Kontrollfunktion weiterhin besonders ernst nehmen. Und da sind wir an einem weiteren möglicherweise kritischen Punkt. Denn es stellt sich eine Frage, die sich die Behörden selbst dringend zu stellen haben: Sind die Heimaufsichtsbehörden erstens kritisch genug und zweitens personell so ausgestattet, dass sie ihre Aufgaben überhaupt angemessen erledigen können? So eine Kontrolle ist erheblich personalintensiv. Oft laufen angemeldete Kontrollen. Es ist klar, dass Behördenmitarbeiter ins Haus kommen und nach dem Rechten sehen. Möglicherweise in einigen Fällen eher: sich anschauen, wie formidabel die Einrichtungen die Besuche vorbereitet haben. Ein echter Einblick in den Einrichtungsalltag ist so ein Besuch nicht – und mithin nichts, was glaubwürdig als eine Kontrolle gelten könnte.

Allerdings: Ein unangekündigter Einblick erfordert besonders viel Personal, um die Situation im Blick zu behalten. So eine Art des behördlichen Aufsuchens ist auch besonders intensiv vorzubereiten. Das lässt sich angesichts Dutzender Alteneinrichtungen allein im Kreisgebiet nicht mit einer kleinen Mannschaft nebenbei machen. Staatliche Behörden – und letztlich wir als Gesellschaft – sollten dringend in dieses Thema investieren. Denn kleiner wird dieses Problem in den kommenden Jahren gewiss nicht. Im Gegenteil: Der laufende Bau zahlreicher neuer Einrichtungen zeichnet vor, dass es mehr und nicht weniger zu kontrollieren geben wird. Die stetig alternde Gesellschaft macht ein waches Auge ebenfalls zum Erfordernis.

Und damit sind wir beim letzten Punkt: dem Wert, den eine Gesellschaft alten Menschen zuspricht. In der Corona-Zeit war manchmal der Eindruck zu gewinnen, nicht jeder halte altes gleichsam für schützenswertes Leben. „Die wären ja eh alle bald gestorben“, habe ich ein ums andere Mal gehört. Nach dem Motto: was soll’s? Mit so einer Sicht auf alte Menschen tue ich mich erheblich schwer. Die Menschen in den Pflegeheimen könnten unsere Eltern und Großeltern sein. Wir reden da nicht von vegetierenden Wesen, eher tot als lebendig, sondern von Menschen, die nach einem oft arbeitsreichen Einsatz für die Gesellschaft ihren Lebensabend verbringen. Dieser gehört menschenwürdig gestaltet und nicht zur gnadenlosen Gewinnzone oder zum Abstellgleis des Lebens erklärt. Wenn wir als leistungs-, jugend- und funktionsorientierte Gesellschaft Kontrolle entweder nicht mehr bewerkstelligen können oder wahlweise gar meinen, diese sei zu vernachlässigen, weil es ja ohnehin demnächst mit den Alten zu Ende gehe, dann ist das unerträglich falsch. Und da Egoismus in unserer Gesellschaft ja besonders gut zieht, ist vielleicht dieses für einige ein entscheidendes Argument: Jenes Leben, das wir für vernachlässigbar halten, kann schneller als uns lieb ist, unser Leben sein.

Wie sehen Sie das? Ähnlich oder vielleicht ganz anders? Antworten Sie mir gerne per Mail auf diesen Newsletter. Und sollten Ihnen selbst einmal Missstände in Alten- oder Pflegeheimen auffallen oder bereits ins Auge gesprungen sein, dann scheuen Sie sich nicht, uns eine Nachricht zukommen zu lassen, am besten an: lokales@mt.de

Was in den nächsten Tagen wichtig wird

Rund vier Millionen Euro investiert der Kreis Minden-Lübbecke jährlich in die Sanierung seiner Straßen, Brücken und Radwege. Auch für dieses Jahr hat er einige Modernisierungen geplant - wir geben einen Überblick.
 
Mehr als 90 Prozent der deutschen Flüsse und Bäche sind über weite Strecken begradigt, eingeengt und verrohrt. Das trifft auch auf den Mindener Grundbach zu. Die Betonrohre haben über Jahre Schaden genommen, es haben sich Ablagerungen und Risse gebildet. Darum soll der Bach in diesem Jahr auf einer Länge von 140 Metern offengelegt werden.
 
Die Bildungskonferenz der Stadt Minden bringt alle zwei Jahre rund 130 Teilnehmer zusammen. In diesem Jahr findet sie coronabedingt erstmals digital statt. Am 20. März tauschen sich 170 Akteure online aus.
 
Seit 2009 fehlt in der Verwaltung der Stadt Minden ein Gleichstellungsplan, der gesetzlich vorgeschrieben ist. Die Gleichstellungsbeauftragte der Stadt Minden vermisst ihn sehr. Was sagt die Stadt? Das MT hat nachgefragt.
 
Erneut gibt es Beschwerden aus der Bevölkerung über die Glasrecycling-Anlage von Prezero in Lahde. Was will das Unternehmen tun, um die Situation zu verbessern?
 
In Petershagen könnte ein neues Ärztehaus entstehen. Es gebe noch Abstimmungsbedarf, hieß es dazu zuletzt.
 
Eine junge Frau aus Rothenuffeln hat ihre Haare gespendet. Dafür hat sie sich nach der Öffnung der Friseursalons von ihrer langen Mähne getrennt. Aus den gespendeten Haaren werden Perücken für krebskranke Kinder. Wie es genau abläuft und wie der Friseurberuf war, hat sie dem MT erzählt.
 
Eine Familie aus Porta musste in Quarantäne, nachdem sich eine der Töchter mit dem Coronavirus infiziert hatte. Die Isolation sollte Mitte der Woche enden, doch zwei Tage vorher wurde auch die zweite Tochter positiv getestet. Ein erneuter Anruf beim Gesundheitsamt ließ die Familie allerdings ratlos zurück: Trotz des neuen Falls soll die Quarantäne enden. Damit dürften Vater, Mutter und Sohn trotz des positiven Falls in der Familie wieder zur Arbeit bzw. in die Schule. Wie kann das sein?

Bis nächste Woche
Ihr Benjamin Piel


Sollte bis dahin etwas sein, schreiben Sie mir gerne eine Mail an postvonpiel@mt.de
 

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