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Kunst als Handwerk: Die Kunstgiesserei St. Gallen. 

BDC

SITTERWERK

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Wir haben noch nie einen Wettbewerb gewonnen. Das einzige Mal auf dem Podest standen wir im Feriendorf in Tunesien, wo wir uns am Turnierabend in die tiefere Altersklasse geschmuggelt hatten und als einzige ein dreidimensionales Haus zeichnen konnten. Doch zum Glück muss man nicht selber von Fortuna geküsst werden, um Preise abzusahnen. Man muss nur die richtigen Freunde haben. Einer von ihnen gewann beim Rätselraten eine Führung fürs Sitterwerk in St. Gallen. 

Die Stiftung liegt in einer ehemaligen Textilfabrik unterhalb vom Sitterviadukt, der ikonischen Brücke, über die mehrmals täglich der Voralpen-Express donnert. Sie umfasst neben einer Bibliothek, einem Werkstoffarchiv und einem Atelierhaus auch das Kesselhaus Josephsohn, das wohl zu den kleinsten und schönsten Museen der Schweiz gehört. Richtig berühmt aber ist der Ort für die Kunstgiesserei St. Gallen, eine Grosswerkstatt, in der Künstler von Weltrang ihre Werke anfertigen lassen. Isa Genzken liess hier ihre zehn Meter hohe Rose anfertigen, die jetzt im Garten vom MoMa steht, Urs Fischer seine Wachsfiguren, Fischli/Weiss ihren Schneemann.

Begrüsst werden wir von Marc, einem freundlichen Holländer in Jeans und grauem Hemd, der uns nach einer kurzen Einführung durch die verschiedenen Werkstätten des Areals führt. Maschinen hämmern, es riecht nach Farbe, die Mitarbeitenden tragen Overall und Schutzbrille. Uns fallen die hohen Räume auf, die grossen Fenster, überall kleben Bilder von Skulpturen, die in St. Gallen entstanden und später in Venedig oder New York gelandet sind. Fotografieren dürfe man alles, ausser «Arbeiten im Entstehen», sagt Marc, man wolle ja sein eigenes Werk nicht auf Instagram sehen, bevor es in der Tate Modern ausgestellt wird. 

Vergangenes Jahr war Brad Pitt auf Besuch. Doch man muss kein Filmstar mit Kunstflair sein, um sich vom Handwerk in der Giesserei beeindrucken zu lassen. Uns genügt, dass hier, inmitten von Staub, Schmutzpartikeln und Abfallgruben, Skulpturen von millimetergenauer Präzision entstehen. Die Kunstgiesserei wirkt wie das Gegenstück zur polierten Kunstwelt mit ihren intellektuellen Abstraktionen und der klinischen Galerie-Ästhetik. Doch auch hier ändert sich vieles, sagt Marc. Früher seien Kunstschaffende mit konkreten Werken vorbei gekommen. «Heute gibt es immer mehr Konzeptkünstler mit einer Idee und einen Galeristen, der die Produktion finanziert». Genzken brachte bei ihrem ersten Besuch in der Giesserei nicht mehr mit als eine frische Rose. 

Wir beenden den Rundgang im Kesselhaus Josephson, einem Schaulager mit karger Einrichtung, in dem das Lebenswerk des Künstlers Hans Josephsohn gezeigt wird. Die Skulpturen aus Gips und Bronze sprechen mit ihren grau-weiss-braunen Tönen eine eigene Sprache, die uns die unsere raubt. Auf dem Heimweg sind wir um fünfzig Fotos und eine Erkenntnis reicher: Dass an so einem Ort Skulpturen von Weltrang entstehen, ist keine Kunst. Es ist Weltklasse-Handwerk.

rf.

SITTERWERK, Sittertalstrasse 34, 9014 St. Gallen
Führungen bis zu 20 Personen, Fr. 250.-
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